Der Neubau des Historischen Museums Frankfurt, das Junge Museum und die Goldene Waage

 

Der Siegerentwurf für den Neubau des Historischen Museums untersteht einem zentralen Begriff: der Kontinuität. So beschreibt die Architektin Jórunn Ragnarsdóttir ihre eigene Arbeit, für die sie – gemeinsam mit ihren Kollegen Arno Lederer und Marc Oei – im Januar 2008 mit dem ersten Preis des von der Stadt Frankfurt ausgelobten Realisierungswettbewerbs zur Neukonzeption des Historischen Museums auf dem Römerberg ausgezeichnet wurde.

Das sanierte historische museum frankfurt 2012 © hmf, Foto: J. BaumannPerspektivische Visualisierung des Neubau-Ensembles historisches museum frankfurt von Westen (LRO-Architekten, Stuttgart)

Das Stuttgarter Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei orientiert sich auch bei diesem Entwurf an seiner allgemeinen Leitlinie: Es gilt, die Sprache der Umgebung aufzunehmen und diese mit dem Gebäude weiterzuführen.

Vor der Konzeption befassten sich die Architekten intensiv mit den Strukturen der im Krieg zerstörten Frankfurter Altstadt. Prägende Elemente des historischen Stadtraums finden zukünftig wieder eine stärkere Betonung, Kontinuität wird somit in die Gegenwart überführt: Der neue Entwurf akzentuiert die Nord-Süd-Achsen im Stadtbild und setzt die westlich und östlich des Neubaus gelegenen Achsen fort, so findet die Saalgasse zu ihrer ursprünglichen Form zurück.

Luftaufnahme Neubau © Historisches Museum Frankfurt, Foto: Robert Metsch

Die Planungen von Lederer, Ragnarsdóttir und Oei beziehen die großen Plätze der Frankfurter Altstadt, den Paulsplatz, Römerplatz und den Domplatz, mit in das Konzept ein, ebenso wie die teilweise heute überbauten, teilweise noch sichtbaren schmalen Straßenzüge des historischen Stadtzentrums. Ein neues Raumgefühl wird mit diesem Architekturentwurf geschaffen: Bisher nicht vorhandene Zwischenräume lassen diesen Teil der Frankfurter Innenstadt aufgelockert und großzügiger erscheinen. Zentrales Element des Museumsensembles ist ein neu geschaffener Freiplatz, der über eine breite Freitreppe aus zu erreichen ist. Durch diese Entscheidung der Architekten erhält auch das gegenüber gelegene Haus Wertheim am Fahrtor, das einzige in der Altstadt noch erhaltene Fachwerkhaus, eine besondere Aufwertung.

Der neue Museumsentwurf nutzt die topografischen Gegebenheiten am Römerberg aus. Breite Sitzstufen überwinden an der Westseite des Museumsareals einen Höhenunterschied von 1, 80 Metern und führen auf den neuen Museumsplatz. Von dieser Freifläche gelangen die Besucher zu den beiden neuen Gebäuden, in den Eingangs- und Verwaltungsbau und das Ausstellungsgebäude. Vom Eingangsbereich gelangt man über das großzügig tagesbelichtete untere Erdgeschoss zu den Ausstellungsräumen. In dieser Ebene steht auch das große Stadtmodell von Frankfurt. Zukünftig ist es jederzeit durch eine brunnenförmige Öffnung in der neuen Platzfläche von außen aus einsehbar. Diese Umstrukturierung des Stadtraumes wertet auch den ältesten Bau Frankfurts, den staufischen Saalhof, deutlich auf. Die neu geschaffene Anordnung der Gebäude ermöglicht erstmals einen freien Blick nach Osten auf dieses Bauwerk.

Die in Teilen nach dem Krieg rekonstruierten Bauten aus dem 12. bis 19. Jahrhundert – den Burnitzbau mit der Saalhofkapelle, den Saalhof und das Bernusgebäude – ergänzen Lederer, Ragnarsdóttir und Oei um einen zweiteiligen Anbau mit moderner Fassade. Die historischen Gebäudeteile werden derzeit insbesondere im Innenbereich vom Büro Diezinger & Kramer saniert. Aus der Wechselwirkung von Altem und Neuen ergeben sich bisher nicht vorhandene Synergieeffekte: Anstelle des heutigen dominanten Betonkubus betont der geplante Neubau die einstige Vielgestaltigkeit der „historischen“ Gebäude, deren Reste Teile des Museums beherbergen. Das neu gebaute Historische Museum fügt sich möglichst optimal in das städtebauliche Umfeld ein und erfüllt die funktionalen Anforderungen an heutige Museumsgebäude. Diesen Anspruch hat die Wettbewerbsjury an die eingereichten Arbeiten gestellt. Das Büro Lederer Ragnarsdóttir Oei hat in ihrem Entwurf diese Kriterien optimal umgesetzt.

Die Außenwände des Ausstellungsgebäudes gliedern sich durch Wandnischen. Die Anordnung der Einbuchtungen orientiert sich am Rhythmus der Fensteranordnung der Alten Nikolaikirche, so fügt sich der Neubau optisch in seine Umgebung ein. Diese Nischen bieten einen wettergeschützten Präsentationsraum für Figuren und archivierte Bauelemente aus dem Bestand des Historischen Museums. So rücken die Ausstellungsgegenstände nach außen, in den Stadtraum hinein. Im Wechselspiel ist auch der Außenraum durch zweigeschossige Fensteröffnungen, die gezielt den Blick auf den Römer, den Rententurm und die Alte Nikolaikirche freigeben, in den Räumen der Dauerausstellung immer präsent.

Sichtweisen auf die Historie verschmelzen mit Eindrücken aus der Gegenwart zu einem neuen Bild – hier zeigt sich noch einmal deutlich das Gesamtkonzept des Architekturbüros Lederer Ragnarsdóttir Oei – das Prinzip der Kontinuität.

Für die Baumaßnahmen wurden Mittel in Höhe von 45,95 Millionen Euro bereit gestellt.

Mit dem völlig neu konzipierten Historischen Museum, das neben dem Neubau auch den sanierten Altbau mit Gebäudeteilen aus fünf Jahrhunderten umfasst, ist das Haus mit seinen Sammlungen ein Kristallisationspunkt der neuen Frankfurter Altstadt. 

Parallel zum Beginn des Neubaus wurden die Sanierungen des Altbaus im Oktober 2011 abgeschlossen, im Mai 2012 wurde der Altbau mit dem neuen Sammler- und Stifter-Museum wieder für das Publikum geöffnet. 

Die Wiedereröffnung des Gesamtkomplexes fand im Oktober 2017 statt. Das Museum bietet im Neubau eine Vielzahl von Ausstellungen an. Acht Frankfurt-Klischees werden als Stadtmodelle in einer großen Schneekugel präsentiert. In der Frankfurt Story erleben die Besucher eine Zeitreise durch die Epochen der Stadtgeschichte. Im großen Ausstellungshaus werden auf der Hofebene die Wechselausstellungen auf 1000 qm präsentiert. Darüber folgt auf zwei Geschossen mit insgesamt 2000 qm die historische Dauerausstellung „Frankfurt Einst?“, unterteilt in vier große Themen: Stadtbilder, Bürgerstadt, Geldstadt und Weltstadt. Im charakteristischen Dachgeschoss mit seinen zwei Giebeln kann im Ausstellungsteil „Frankfurt Jetzt!“ die Stadt der Gegenwart erforscht werden. Von hier oben eröffnen ein großes Panoramafenster und 84 Fenster einen spektakulären Ausblick auf die Stadt. Alle Ausstellungen sind familienfreundlich und barrierefrei gestaltet und stellen interaktive Angebote für Jung und Alt bereit. 

Der Wiedereinzug des kinder museums als Junges Museum Frankfurt in das Haupthaus von der Hauptwache zurück in den Altbau des Historischen Museums 2018 erfolgt. Es wurde auf insgesamt drei Etagen im Bernusbau des Saalhofs eingerichtet . In dessen zweiten Obergeschoß finden insgesamt zehn Kreativ-Werkstätten, wie zum Beispiel die Buchdruckerei, das Computerlabor oder die Radiowerkstatt; Wechselausstellungen sind im ersten Obergeschoß zu sehen. Abgerundet wird das Angebot durch historische Räume wie dem Kolonialwarenladen, der Urgroßelternküche und dem Mini-Museum.

Im Haus zur Goldenen Waage haben Besucher*innen von Dezember 2019 an die Möglichkeit, Einblicke ins Frankfurt des 17. Jahrhunderts zu gewinnen. Das aufwändig restaurierte Fachwerkhaus ist mit zeitgenössischen Möbeln und Gegenständen aus der Sammlung des Historische Museums eingerichtet. Ein Höhepunkt ist der Aufstieg entlang der steinernen Wendeltreppe zum „Belvederchen“, dem Dachgarten mit Ausblick auf die umliegenden Dächer der Altstadt und den Dom. Aufgrund der begrenzten Räumlichkeiten und des offen präsentierten Mobiliars kann die Ausstellung nur von angemeldeten Gruppen im Rahmen von Führungen besucht werden.

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